Die erste Schwangerschaft bedeutet, dass sich im eigenen Leben ganz schön was verändern wird. Es ist eine aufregende Zeit, für die Männer freilich etwas anders als für die Frauen.

Als werdende Eltern haben wir uns so oft ausgemalt, wie es wohl sein wird. Es ist ja nie wirklich greifbar im Vorfeld. Zugleich siehst Du ja nur noch andere Schwangere zu der Zeit. Daran merkst Du, wie das Gehirn sich mit der Thematik beschäftigt (selektive Wahrnehmung).

Wir haben also gesehen, wie andere um uns herum mit diesem Thema umgehen – und wollten für uns versuchen, ein paar Dinge festzuhalten. Wie wollen wir als Eltern sein? Nicht, dass wir da einen Maßnahmenkatalog aufgestellt hätten oder so. Wohl aber lockere Gespräche darüber, mit welcher Haltung wir dem Ganzen begegnen wollen.

Eines weiß ich heute und dies betrifft in meinen Augen alle (werdenden) Eltern – die Frage ist nur, wer es erkennt und wer nicht:

Es gibt einen unlösbaren Interessenskonflikt zwischen ihren eigenen Bedürfnissen und egoistischen Anwandlungen und den Bedürfnissen des neugeborenen Kindes.

Jorge Bucay

Das möchte kaum jemand hören oder lesen, aber ich denke es ist so. Diesen Umstand zu akzeptieren, macht es nicht immer leichter, aber es gibt eine Orientierung. Mir und uns hat es geholfen.

Gesunder Egoismus

Das Baby ist wichtig, aber nicht der Dreh- und Angelpunkt unseres Universums! Klingt jetzt vielleicht gefühlskalt oder etwas strange. Ich meine damit aber nur, dass wir unsere eigenen Leben auch mit Kind noch weiter leben wollen. Beide haben wir eigene Interessen, Hobbys, Bedürfnisse… Das bin ich/sind wir schlicht nicht bereit komplett aufzugeben.

Ein Baby verändert natürlich alles, keine Frage. Ich werde nicht müde, die Metapher meines Arbeitskollegen anzuwenden:

Das erste Kind zu bekommen, ist, wie auf der Autobahn aus voller Fahrt mit angezogener Handbremse eine 180 Grad-Wende durchzuführen.

Es ist schon ein harter Richtungswechsel, keine Frage. Alles Bekannte wird irgendwie auf den Kopf gestellt. Die Kunst war es, uns selbst bei der Neusortierung unseres Lebens nicht zu vergessen! Von Kind 1 zu Kind 2 ist es dann übrigens nochmal anders.

Die spannende Frage für uns als zukünftige Eltern war aber vor Kind 1, wie genau wir uns trotz Kind unsere Eigenständigkeit bewahren können. Es sollte nicht grundsätzlich all das verändern, was wir tun… Ich bin überzeugt davon, dass wir uns extrem unglücklich gemacht hätten, hätten wir alles nur noch zu 100 % auf das Kind abgestimmt.

Ich kenne viele Eltern, die sich mit Geburt sozusagen komplett zurückziehen in das „Leben zu dritt“. Ja, die sozusagen ihren eigenen Kosmos rund um das Kind erschaffen. Und das muss auch nicht verkehrt sein: Hier spielen aus meiner Sicht Werte wie Sicherheit Oder Geborgenheit eine große Rolle. Eltern wollen für ihr Kind da sein, es beschützen. Zugleich glaube ich, dass die einen oder anderen Eltern sich vielleicht ein wenig zu sehr auf ihr Kind konzentrieren.

Aus meiner Sicht ist eine gesunde Portion Egoismus hier nicht nur erlaubt, sondern zwingend erforderlich! Am Ende kanns dem Kind doch nur dann am besten gehen, wenns mir als Elternteil ebenfalls gut geht oder?

Verzichte ich darauf, der Mittelpunkt meiner Welt zu sein, so wird irgendwas oder irgendjemand anders diesen Raum einnehmen. Nicht ganz bei sich selbst zu sein, das ist schlimm. Und ein völliger Wahnsinn ist es, der Mittelpunkt im Leben eines anderen sein zu wollen

Jorge Bucay

Unser Kind sollte nicht der absolute Mittelpunkt unseres Universums sein. Sonst lernt es von uns doch, jemandes Mittelpunkt sein zu wollen, statt sein eigener Mittelpunkt zu sein. Ist das förderlich? Ein fester und gleichwürdiger Bestandteil unseres Universums ist das Kind hingegen sehr wohl!

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So oder so ist es eine höchst persönliche Entscheidung eines jeden Elternpaares – unter Berücksichtigung der Bedürfnisse jedes Elternteils wollten wir es aber bewusst so handhaben. Das Kind kommt schließlich zu unserem Leben dazu und nicht andersherum.

Eine gute Beziehung (ob schwanger oder nicht) zeichnet sich doch durch die Kunst aus, Gemeinschaft und Unabhängigkeit zu leben oder? Mit Fingerspitzengefühl und der jeweiligen Situation angemessen, keine Frage. Nur aus Prinzip lasse ich mich aber ungern einschränken…

Am Ende ist es eine Haltung, auf die wir uns seinerzeit geeinigt haben, das weiß ich heute. Und ich behaupte, dass wir diese Haltung auch heute leben.

Baby-Sharing

Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf

Ich weiß nicht, wer dieses Zitat im Original mal von sich gegeben hat. Aber es passt wunderbar zu uns und unsere luxuriösen (!) Großfamilien-Situation.

Zum Zeitpunkt der ersten Schwangerschaft standen wir vor einem Problem: Ich arbeitete unter der Woche circa 300 km weit weg von zu Hause und war nur am Wochenende da. Eine grundsätzliche Entscheidung stand also bevor: Zu mir oder zu dir? Ich mache es kurz: letztendlich habe ich gekündigt, um zurück in die Heimat zu gehen.

Das Risiko bestand darin, einen neuen Job finden. Die Chance bestand darin, das zentrale familiäre Umfeld vor Ort zu haben. Was damals für mich wie eine schwierige Entscheidung aussah, entpuppt sich im Nachhinein als das Beste, was wir hätten machen können.

Bis heute leben wir daher in einer wahnsinnig luxuriösen Situation.

Entfernung zu Oma A: 5 Minuten zu Fuß.

Entfernung zu Oma B nebst Opa: 5 Minuten mit Auto oder Rad.

Entfernung zu Opa C: 10 Minuten mit Auto, 15 Mit Rad.

Entfernung zu Großtante A nebst Oma Tik-Tak A (ja, ich meine die U(h)roma): 15 Minuten mit dem Auto.

…dazu noch diverse Onkels, die alle in einem ähnlichen im Umkreis wohnen. Purer Luxus!

Wenn ich schreibe, dass beide Kinder von Beginn an in der Familie „herumgereicht„ wurden, klingt das komisch. Aber sobald sich zu Beginn alles halbwegs eingespielt hatte (Kind trinkt ordentlich, Abläufe sind klar, das Abpumpen klappt…), waren wir schon auch unterwegs mit der beziehungsweise den kleinen. Natürlich nur tagsüber zunächst – übernachten ist noch mal eine andere Hausnummer, keine Frage.

Aber Familiengeburtstage, Hochzeiten oder auf ein Käffchen zu Oma – darin haben wir mehr Chancen als Risiko gesehen. Oma freut sich, Eltern freuen sich, Kind gewöhnt sich an andere Menschen. Es war bei beiden Kindern bis heute nie ein Problem, sie morgens in der Kita abzugeben, sie mal bei Oma/Opa zu lassen oder bei Freundinnen zu übernachten. Ich behaupte, wir haben eine sehr gute Bindung zu beiden. Das sind unsere Erfahrungen.

BEziehung oder ERziehung?

Ich muss gestehen: Diesen Punkt haben wir im Vorfeld nicht umfassend auf dem Schirm gehabt (wie denn auch?!). Jetzt, etwa 6 Jahre später, wird mir allerdings klar, dass er uns von Anfang an begleitet hat. Und ich bin stolz drauf!

Ich bin kein Fan von „Tu was ich dir sage“-Erziehung. Kinder brauchen Grenzen, das war uns klar. Kinder brauchen auch mal eine klare Ansage. Aber sie brauchen in meinen Augen niemanden, der sie ständig entweder bespaßt oder konditioniert.

Kinder können auch mal gut alleine spielen – das lernen sie, keine Frage. Ich glaube zudem, dass dies sehr intuitiv geschieht. Je mehr ich als Elternteil immer was „vorspiele“, desto mehr lernt mein Kind, dass es ja bloß zuschauen braucht.

Die kreativste Phase meiner Mädchen ist immer dann, wenn ihnen langweilig ist! Wenn das Hirn kurz nichts mit sich anzufangen weiß, ruht es entweder aus – oder schmiedet neue Pläne!

Für uns ist wichtig, eine wirklich gute Beziehung zu beiden Kids zu haben. Ich muss selbst immer aufpassen, wenn ich die häufige Frage stelle: „Und, wie wars im Kindergarten“ – „Gut“, spricht es und wendet sich wieder von mir ab. Eigentlich will ich ja nicht wissen, wie sie den Tag in der Kita bewertet, sondern was so passiert ist.

Je enger, ehrlicher und aufrichtiger ich an meinen Kindern dranbleibe, bei all den eigenen Interessen der Eltern, desto respektvoller kann der Umgang miteinander im Laufe der Zeit doch nur werden – so behaupten wir.

Am Ende fahren wir einen recht intuitiven Elternansatz denke ich. Das ist alles, was ich mit diesen Zeilen sagen möchte. Keine*r muss sich im Vorfeld verrückt machen, Erziehungsstrategien auswendig lernen oder alles „richtig“ machen wollen (das geht eh nicht…). Die HALTUNG ist entscheidend – und unsere Mädchen sollen unabhängig groß werden, sich geliebt fühlen und Liebe geben können!

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