Den folgenden Artikel wollte ich schon lange veröffentlichen. Irgendwas hat mich bislang davon abgehalten. Vielleicht, weil es ein unangenehmes Thema ist. Vielleicht, weil es (mir) zeigt, dass ich nicht perfekt bin – und wer will sich das schon eingestehen?!

Ich bin absolut kein Fan davon, grob oder ungehalten gegenüber (dein eigenen) Kindern zu sein! Allerdings stoße ich ab und zu schon an meine Grenzen. Bin verletzlich. So wie andere auch – und deshalb bin ich mutig und schreibe nun doch drüber. Weils vielleicht auch hilfreich für andere ist…

Ein Tabu-Thema?

Ich lehne mich jetzt hoffentlich nicht zu weit aus dem Fenster und hoffe inständig, hier richtig verstanden zu werden. Wenn ich in der Zeitung oder in den Medien davon mitbekomme, dass „mal wieder“ ein Elternteil sein Kind geschüttelt oder geschlagen hat, ja, es dabei vielleicht sogar zu Schaden gekommen ist, dann ist mein erster Gedanke: „Wie kann ein Elternteil das nur machen? Was muss das für ein Mensch sein?“

Doch spätestens seit ich selbst Papa bin, habe ich sogleich einen zweiten Gedanken dazu: „Verdammt! Ich kann das auch ein kleines Stück weit nachvollziehen.“ Ich sage nicht, dass ich es in Gänze verstehe. Wohl aber meine ich mich hineinversetzen zu können in die Situation, die dann bei manchen am Ende eskaliert. Es ist halt manchmal anstrengend – und nicht in jedem Moment bin ich selbst gelassen genug, um damit gescheit umgehen zu können.

Es gibt Situationen, in denen fühle ich mich als Elternteil bis aufs Blut gereizt. In denen kann ich mit dem Kind und in erster Linie mit mir nicht adäquat umgehen. In 99% der Fälle sind das objektiv betrachtet völlige Lapalien: Ein unaufgeräumtes Zimmer, ein zu zögerliches Anziehen im Rahmen der morgendlichen Alltagshektik oder halt ein bedürfnisvolles Baby, dass sich natürlich nur durch (permanentes) Weinen verständlich machen kann… Und dann weiß ich für einen mini-Moment manchmal einfach nicht weiter.

Dieser eine Moment…

Doch wie genau kommt es eigentlich dazu? Wer reizt hier eigentlich wen bis aufs Blut? Was passiert, wenn Kind und Elternanteil so aneinandergeraten?

Sicherlich gibts außergewöhnliche Begleitumstände, die Eltern ausrasten lassen können: Vielleicht sind sie selbst krank, haben tiefergehende Probleme oder hatten eine schwere Kindheit… Alles keine Entschuldigung natürlich.

Aber auch Eltern, denen es gut geht und immer ging, kommen an ihre Grenzen. Ich weiß das, ich unterhalte mich mit ihnen.

Ob es am Ende ein kleines Baby ist, das einfach nicht aufhört zu schreien oder eine Fünfjährige, die nicht das macht, was ich gerne möchte: Ich hab bei mir ein gewisses Grundmuster festgestellt, dass immer gleich ist. Ob ich mein Kind blöd anmache oder die Zimmertür zuknalle: Es ist dieser eine Moment, in dem das Fass überläuft, es geschieht immer im Affekt und es führt immer derselbe Weg dahin.

2 Dinge kommen zusammen

Erstens: Kind und Elternteil sind in irgendeiner Form aus dem Gleichgewicht. Jeweils nicht bei 100 % ihres Normalzustand. Und „normal“ bedeutet für mich harmonisch, gelassen, miteinander. Gründe können z.B. Müdigkeit sein (ganz häufig habe ich damit zu kämpfen), Krankheit beziehungsweise „Angeschlagen-Sein“ oder es gab einfach eine doofe Situation im Alltag, die nicht ganz verarbeitet wurde. Vielleicht habe ich mir für abends auch einfach noch Dinge für mich vorgenommen, zu denen ich wegen des meckernden Kindes nicht komme. Das Kind wiederum bekommt in dem Moment vielleicht nicht die Aufmerksamkeit, die es nach einem anstrengenden Tag von mir bräuchte.

Meine Gedanken sind also in irgendeiner Form noch bei mindestens einer oder mehreren weiteren Angelegenheiten. Eine Art Grund–Gereiztheit ist also vorhanden, eine gewisse Unruhe, die als Nährboden fungiert. Diese führt dazu, dass es beiden Seiten schwer fällt, gelassen zu sein.

Zweitens: Je gereizter ich bin, desto mehr schaue ich nur auf mich. Meine Interessen, mir gehts gerade nicht gut, ich brauche Ruhe… Ich schütze mich dadurch! Ich nenne das hier mal den Ego–Modus. Er wächst wie ein kleines Bäumchen auf dem Nährboden der Unruhe. An ihm wachsen nur Früchte, die mit ich, mir oder mein beginnen. Es zählen bewusst oder unbewusst nur die eigenen Interessen. Empathie für das Gegenüber aufzubringen, ist so nicht oder kaum möglich – ja, nicht mal die Bereitschaft, sich auf ihn/sie oder die Situation einzulassen. Möglicherweise bin ich im Kopf schon bei den drei Dingen, die ich unbedingt noch erledigen wollte heute Abend, während ich hier das quengelnde Etwas durch die Wohnung schaukeln muss…

Unruhe und Ego–Modus führen in der Folge dazu, dass beide, Elternteil und Kind, Gefahr laufen, sich unendlich in eine negative Ego-Gefühlsspirale hinein zu steigern. Dadurch entfernen Sie sich natürlich immer weiter voneinander.

Sich das bewusst zu machen reicht meist schon aus, um die Situation zu verbessern – ist aber ad-hoc oft nicht möglich.

Abwärtsspirale

Und so passiert es mir hin und wieder, dass ich in solchen Situationen unbedacht immer verärgerter werde. Eine gewisse natürliche Gelassenheit bringe ich von Natur aus mit, doch der Geduldsfaden ist hier je nach Gemütslage auch manchmal recht dünn.

Das Baby schreit. Es könnte genauso gut das große Kind sein, das nicht schnell genug das tut, was ich von ihm möchte. Der innere Prozess ist der gleiche.

Das Baby schreit immer heftiger, die vermeintlich beruhigenden Schaukelversuche in meinem Arm werden es ebenfalls: rhythmisches Rauf, Runter, Drehung, Storchengang, Kind aufrecht halten, Kind in der Horizontalen halten, … Nichts aber auch gar nichts funktioniert. Im Gegenteil: das Kind schreit nur heftiger.

Photo by Marco Jimenez on Unsplash

Die Lage spitzt sich zu und eine tranceartige Szene nimmt ihren Lauf: Ich merke, wie die Adern an meinen Schläfen immer heftiger pulsieren, der kalte Schweiß bricht mir aus und speziell am Kopf wird mir extrem warm. Ich spüre, wie die Verzweiflung in mir aufkeimt, weil ich einfach keine Lösung mehr sehe, um die Kleine zu beruhigen. „Alter Schwede, jetzt halt doch endlich mal die Fresse“, schreie ich es in Gedanken an.

Wer selbst Kinder hat, kann mir hier hoffentlich folgen. So oder so ähnlich muss es sich wohl anfühlen, kurz bevor einem die Sicherungen durchknallen. Die pure Verzweiflung, Stress – doch zum Glück habe ich ein inneres „Netz mit doppeltem Boden“.

Die Situation steigert sich soweit, bis dann endlich eine Art automatisches Abriegelungssystem greift und mich aus meinem fast panischen Zustand ins Hier und Jetzt zurückholt. Für einen kurzen Moment entweiche ich meinem eigenen Körper und kann mich und das Kind auf einmal selbst von außen betrachten.

Ich checke, was hier eigentlich gerade abgeht und werde schnell ruhiger. Auch, weil ich ein wenig erschrocken und erschüttert bin über meinen Zustand.

3 Dinge, die mir helfen

Ich stelle fest, vor allem im Nachhinein, dass mir in diesen Situationen einige Dinge völlig abhanden gehen, die mir aber gut tun würden.

Erstens: Der Kontakt zu meinem eigenen Körper. Atmung, Herzschlag, nichts hatte ich in diesem Moment präsent. Stress bedeutet auch, sich selbst nicht mehr gut wahrnehmen zu können. Als wäre ich nicht ich – als wäre ich ein Fremder. Als gehöre mein Körper nicht mehr zu mir. Dabei wäre es so einfach: Tief atmen, stehen bleiben, Herzschlag spüren.

Der eigene Körper ist für mich eine wichtige Orientierung, um mich selbst zu zentrieren, wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Gedanklich bin ich in diesen stressigen Momenten überall, vor allem bei all dem, was ich in diesem Moment nicht haben kann. Und das ärgert mich dann saumäßig.

„Ich wollte heute eigentlich noch…“, „Morgen muss ich…“, „Im Büro habe ich heute…“. Und so weiter.

Ganz ruhig, mein Lieber.

„Spüre ich eigentlich gerade meinen Herzschlag?“

Zweitens: Mir hilft es sehr, die Konzentration voll und ganz auf die Bedürfnisse meines Kindes zu legen. Bedingungslos. Bedingungslos! Ich schreibe es deutlich, denn diese Botschaft muss nachwirken!

Das Kind anschauen, beobachten, ansprechen, sich für das Bedürfnis des kleinen Wesens ehrlich interessieren, ehrlich gemeintes Mitgefühl entwickeln… Situation annehmen, statt Widerstand leisten. Es geht um totale Empathie! Dadurch hole ich meine Gedanken ins Hier und Jetzt. In die Gegenwart. Was eigentlich so einfach klingt, ist doch manchmal so schwer.

Drittens: Als letzten Ausweg ist es erfahrungsgemäß besser, sich lieber Unterstützung zu holen, als allein zu bleiben. Die Mama und ich tauschen auch hin und wieder in solchen Situationen, das passt. Immer dann, wer der andere nicht mehr kann, kommt der Partner zum Wechsel.

Im Zweifel hinten anstellen

Kinder brauchen die Unterstützung, ewiges Verständnis und Empathie ihre Eltern. So sehe ich das. Das ist nicht immer leicht und manchmal brennen auch Sicherungen durch – ich glaube es sind alle Eltern mit schwierigen Situationen vertraut. Ich habe gelernt und lerne noch immer, meine eigenen Bedürfnisse im Zweifel auf ein Minimum, wenn nicht sogar null herunter zu fahren. Vorübergehend.

Das ist einfach manchmal erforderlich, statt einem ein- oder auch fünfjährigen Kind die Schuld für den eigenen schlechten Zustand zuzuschieben. Das hilft keinem weiter.

Sobald ich es schaffe, nur einen kleinen Moment der ehrlichen Empathie, der ehrlichen wohlwollenden Bindung zu meinem Kind zu erzeugen, kann ich eine positive Spirale in Gang setzen, die mich und das Kind aus dieser Situation heraus führt.

Diesen Moment zu erschaffen, dazu ist jede und jeder von uns in der Lage. Davon bin ich überzeugt. Also achte auf dich, auch im Interesse deines Kindes, damit’s neben deinem Kind auch dir gut geht. Ich bin persönlich froh, dass mir das mit der Zeit immer bewusster geworden ist. Möglicherweise ist dies zu lesen auch eine kleine Hilfestellung für dich.

I‘ll be patient – one more

Macklemore & Ryan Lewis ft. Ed Sheeran – Growing Up

Top Photo by Stock Photography on Unsplash