Geschichtenerzähler

Geschichtenerzähler

17. April 2021 2 Von Niels

Jeder Mensch schreibt seine eigene Geschichte. Meinen Kindern Geschichten erzählen oder vorlesen bedeutet für mich, sie für ihre eigene zu inspirieren. Doch nicht nur das…

Ich liebe unser Sofa. Sobald ich mich darauf fallen lasse, verändert sich mein geistiger Zustand von An- zu Entspannung. Wenn ich mit dem Rücken an der Lehne sitze, kann ich meine Beine fast komplett ausstrecken, die Arme links und rechts auf der Lehne ausbreiten und in den weichen Kissen versinken. Tief einatmen und gleich wieder ausatmen, der Sauerstoff fließt. Mein Sofa ist eine kleine Wohlfühloase für mich.

Jeden Abend darf ich dieses Gefühl teilen mit meinen beiden Mädels – eine links, die andere rechts im Arm. Allein das genieße ich sehr – wie ich von beiden Seiten „bekuschelt“ werde, ihre Wärme und Nähe spüre. Diese Minuten so kurz vor dem Zubettgehen sind nur für uns reserviert. Im wuseligen Alltag laufen wir mehr aneinander vorbei, als dass wir uns ausreichend Zeit füreinander nehmen könnten. Schule, Kindergarten, Arbeit – alle gehen ihren „Verpflichtungen“ nach. Umso schöner ist es, den Tag mit diesem gemeinsamen Ritual der Nähe und Geborgenheit ausklingen zu lassen.

In freudiger Erwartung bringen beide in der Regel 1-2 Bücher mit, die wir nun lesen. Klassiker wie das kleine Gespenst, von denen ich stolz berichten kann, dass auch ich als Papa die schon vorgelesen bekommen habe als Kind – und natürlich auch Geschichten, die es erst seit Kurzem gibt. Und ich muss ergänzen: Geschichten, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich so etwas mal lesen würde („Die Pferdebande“ und Co). Wenn mal keins zur Hand ist, denke ich mir was aus.

Aber natürlich ist das Buch oder die Geschichte an sich nicht entscheidend, denn es ist nur Mittel zum Zweck.

Fantasie, Werte, Erfolg, Emotionen – es geht ums Erleben

Geschichten erzählen oder vorlesen bedeutet viel. Die vier Kinderaugen blicken gebannt auf die Zeilen vor uns – je mehr Bilder, desto gebannter natürlich – während ich bemüht bin, beide Kinder, je eins links und rechts im Arm, das eine beim Halten des Buches und das andere beim Versuch umzublättern nicht zu erwürgen. 

Geschichten und Metaphern sind der einzige Weg, (kleinen) Menschen Erfahrungen näher zu bringen, ohne dass sie sie selbst erlebt haben müssen

(frei nach Jorge Bucay)

Gemeinsam tauchen wir im wahrsten Sinne in eine fantastische Welt ab. Apfelhexen, Traumwelten, Detektivfälle und jede Menge Einhörner begegnen uns. Sie bestehen Abenteuer, lösen Rätsel und vollbringen allerlei Gutes. Ich merke, wie ich das Vorlesen über die Jahre immer mehr zu lieben gelernt habe.

Fast schon übertrieben geißele ich mich innerlich für Textstellen, die ich unangemessen betone oder wenn ich mal einen der Charaktere nicht in einer unterscheidbaren Stimme gesprochen habe 😂

Ich wünsche mir, dass meine Mädels die Heldengeschichten, die Werte und die grenzenlose Hoffnung aus den Erzählungen mitnehmen in ihr Leben. Ich wünsche mir, dass sie ihre eigene Heldengeschichte schreiben, inspiriert auch viel durch die Geschichten, die wir gemeinsam lesen. So wie ich mich heute noch gut und positiv an die allabendliche Vorlesestunde erinnere, soll es meinen Kindern später auch gehen. Mir hat es viel gegeben und das möchte ich so gerne weitergeben.

Ich bin begeistert und fiebere richtig mit beim Vorlesen – auch weil ich merke, dass ich meine Kinder damit anstecken kann. Wir verbringen nicht nur gemeinsame Zeit hier auf dem Sofa, nein. Wir erLEBEN sie gemeinsam, all die Abenteuer und fantastischen Reisen. Und wir alle lieben es.

Geschichten erzählen ist gemeinsame Zeit

Hinter dem abendlichen Ritual steckt so viel mehr, als bloßes Vorlesen oder Geschichten erzählen. Der wichtigste Punkt ist für mich dabei die bewusste Zeit miteinander, die Ver-Bindung zwischen den Kindern und mir. Als Eltern darf uns aus meiner Sicht nichts wichtiger sein als das!

Letztens fiel mir die „Vorlesestudie 2020“ in die Finger. Etwa ein Drittel der Eltern liest den eigenen Kindern nicht regelmäßig vor. Der Hälfte aller Eltern macht Vorlesen zudem einfach keinen Spaß. Das macht mich traurig. Wirklich!

Wer auch immer das hier liest, soll das hier als klares Plädoyer FÜR das Vorlesen und Geschichten erzählen verstehen – das vielmehr ist, als der bloße elterliche „Aufwand“, um Zeit bis zum Zubettgehen totzuschlagen. 

Vorzulesen bedeutet doch auch, das Träumen, die Unbeschwertheit und die Hoffnung zu nähren – was sonst macht eine Kindheit aus?

Wie könnte ich meinem Kind getrost in die Augen schauen, wenn ich das nicht versuchen würde zu ermöglichen?!

10-20 Minuten reichen bei uns meist für 1-2 Kapitel. Mehr ginge immer, doch irgendwann darf halt auch Feierabend sein. Buch zu, oft unter Protest natürlich, runter vom Kuschelsofa, ab zum Zähneputzen und dann ins Bettchen. Ab ins Traumland, wo die Geschichten noch nachwirken – und sich vielleicht mit der eigenen verbinden.

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