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„Papa, was ist das eigentlich, so ein ‚Wunder‘?“

Das ist eine sehr gute Frage. Kinder sind so schlau. Viel schlauer, als wir Erwachsenen es ihnen oft zutrauen… Erwachsensein hingegen erlebe ich oft als so kompliziert. Dabei ist der Ursprug des Lebens, ich meine das ‚Kinderbekommen‘ doch denkbar einfach. Der Akt, das Austragen, die Geburt. In der Regel in der menschlichen Natur tief veranlagt. So einfach und doch so schwer:

Komme mit Brötchentüte ins Wohnzimmer. Meine Frau liegt auf dem Sofa. Die erste ‚richtige‘ Wehe. Es geht los. Wirklich? 8 Tage über dem errechneten Termin, aber jetzt doch irgendwie so plötzlich. Mal sehen. Alle vier Minuten, hmm. Lieber noch nen Käffchen und nen Brötchen schnell. Jetzt alle drei Minuten.

 

Ok, scheint wirklich loszugehen.

Hab noch gar nicht wirklich begriffen, was hier abgeht. Meine Frau krümmt sich allerdings langsam vor Schmerzen. Ok, ruhig bleiben. Jetzt einfach funktionieren. Hausgeburt war der Plan, also bleiben wir eh hier. Wie war das noch? Ahja, Gymnastikmatte vom Dachboden holen, ist besser für die Knie beim Hocken.

„Lieber mal die Hebamme anrufen?“ frage ich.

„Noch nicht“ antwortet sie.

‚Hmm, ok. Krasser Scheiß‘ denke ich 😨 und versuche nach außen ruhig zu wirken.

Fünf Minuten später ruft Hebamme UNS an. Ein Glück, sie macht sich auf den Weg.

Schmerzen scheinen schnell heftiger zu werden. Mal ein warmes Bad einlassen und ihr anbieten – wird angenommen. Scheint ein wenig zu lindern. Habe ich gut gemacht (Beginn der Durchhalteparolen an mich selbst).

Schmerzlinderung nur von kurzer Dauer, Frau wälzt sich von links nach rechts. Habe das erste Mal Tränen in meinen Augen – solches Leid bei einer so starken Frau zu sehen irritiert mich. Tränen runtergeschluckt und warmes Wasser nachlaufen lassen.

Hebamme trifft ein – sie schaut, als hätte sie gerade im Lotto gewonnen. Beruhigt mich, dann scheint hier alles im Lot. Muttermund macht was er soll, nämlich aufgehen.

Badewanne wohl jetzt unpassend, Wechsel ins Wohnzimmer wird vollzogen. Ich laufe vor, um den Teppich einzurollen. Dabei ein ganzes Glas Saft draufgekippt – egal jetzt.

Vierfüßlerstand, Hocke, einfach Abhängen auf dem Sofa – verschiedene Methoden werden getestet.
Meine Hauptaufgabe dabei: Menschliche Statue spielen, an der sich gestützt und geklammert wird. Tue mein Bestes. Eigenen Wunsch loszuheulen weitere 3x gerade so unterdrückt … später vielleicht.

 

Durchhalten und Tanzen!

Ich spüre erste Kratzspuren vom Stützen, egal. Meine Frau leidet, heidewitzka. Zwischenzeitliches Taumeln mit geschlossenen Augen, versuche Traubenzucker zu verabreichen. Klappt mäßig, muss aber sein.
Hebamme hat alles im Blick und gibt mir Zeichen: Alles ok! Wahnsinn, was für eine Ruhe die ausstrahlt, Hut ab!

Meine Frau muss jetzt tanzen! Erinnert mich an das Motto meines Arbeitgebers: „gemeinsam. In Bewegung.“

So kreisen wir gemeinsam die Hüfte, um den Prozess anzukurbeln.

Endphase scheint zu beginnen, Fruchtblase mit Unterstützung der Hebamme nun vollständig geplatzt – Baby konnte wohl vorher nicht bis ganz unten rutschen.

Frau beginnt zu resignieren, möchte den Raum und vor allem die Situation verlassen. ‚Nicht ihr Ernst‘ denke ich mir, kenne diese Phase zugleich aber von Eni’s Geburt. Ok, Tonlage muss wohl gewechselt werden. „Reiß dich zusammen und zieh das durch“ formuliere ich es im Imperativ. Und dann kurz … Ruhe.

Es ist soweit – keine klassischen Presswehen, aber mit mantra-artiger Anfeuerung von außen („du schaffst das“, „glaub an dich“, „nach unten drücken“…) von der Hebamme und mir und den gefühlt letzten Kräften meiner Frau (verpackt in 2-3 Urschreien voller Power), sehe ich am Sofarand unter mir und ihr … das Baby: Völlig weiß verschmiert, kurze schwarze Haare und … ein Mädchen (wir hatten es uns im Vorfeld nicht verraten lassen).

 

…und dann ist es einfach nur noch unglaublich

Muss die Tränen endlich nicht mehr zurückhalten, kann ich auch gar nicht mehr. Ich heule. Vor Glück. Aber natürlich nur kurz, ist auch ok – es ist einfach überwaltigend 😉

Ich bin so stolz auf meine Frau und ihre grenzenlose Energie & Leidensfähigkeit ❤️ – und unbekannter Weise stolz auf jede Frau, die diese Erfahrungen gemacht hat.

Ich bin so stolz auf meine, unsere zweite Tochter, die gerade zum ersten Mal Luft atmet, spürt und beginnt sich zu bewegen ❤️.

Ich bin so dankbar für unsere wunderbare Hebamme, die es uns ermöglicht hat, eine solch beeindruckende Erfahrung zu Hause, ohne Hektik, trotzdem mit einem sicheren Gefühl sowie mit ein wenig Lockerheit und Humor erleben zu dürfen ❤️.

„Du willst wissen, was ein ‚Wunder‘ ist? Meine Kleine, das bist du!“

In Liebe, dein Papa ❤️

Photo by Carlos Narvarro on Unsplash

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