Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Jede*r von uns hat da diverse eigene Erfahrungen vorzuweisen. Ob der allmorgendliche Kaffee, das regelmäßige Zähneputzen oder aber der täglich gleiche Ablauf im Job: Wenn gewisse Abläufe im Alltag, im Leben immer und immer wieder in gleicher oder ähnlicher Form durchlebt werden, gibt das eine große Portion Sicherheit. Und letztendlich ist dies ein Wert, der für alle eine gewichtige Rolle spielt. Komfortzone könnte man auch sagen.

Gerald Hüther und Aaron Antonovsky würden von Kohärenz sprechen: Unser Gehirn strebt durchweg den energieschonensten Zustand an. Und je gewohnter eine Situation ist, desto weniger Energieaufwand muss das Hirn betreiben.

Doch manchmal braucht es einfach eine Portion Veränderung. Eine Pflanze muss ja auch von Zeit zu Zeit gegossen werden, damit sie wachsen kann. Ich habe diese innere Stimme in meinem Kopf, die mich immer deutlicher fragt: „War das jetzt alles? Was gibt es da draußen noch?“. Das führt dazu, dass ich halt nicht mehr im energieschonensten Zustand bin. Irgendwie unruhig. Und das betraf in den letzten Monaten vor allem meinen Job.

In den letzten 33 Jahren habe ich jeden Morgen in den Spiegel geschaut und mich gefragt: “Wenn heute der letzte Tag meines Lebens wäre, würde ich auch das machen wollen, was mir heute bevorsteht?” Und wenn die Antwort für zu viele Tage am Stück “Nein” lautete, wusste ich, dass ich etwas ändern musste.

Steve Jobs

Ich spürte, dass ich eine berufliche Veränderung brauchte. Zumindest glaube ich das. Irgendwie ist es im Büro langweilig geworden, so… bekannt alles. Routine hat übernommen. Was andere als gut bezeichnen würden (und das ist es ja auch, solange man zufrieden ist), erscheint mir mehr und mehr unpassend. Ich will keine Verantwortung mehr übernehmen, nicht mehr 100% für eine Sache einstehen, für die ich aktuell nicht 100% brenne. Das laugt auf Dauer aus.

Doch woran genau liegt das wohl?

Jede*r möchte jemand sein

Liegt es daran, dass ich nicht genügend Anerkennung für das bekomme, was ich tue?

In letzter Zeit fühlte es sich schon ein wenig so an. Gar nicht so sehr, weil mir keiner gesagt hat, dass ich meinen Job gut mache. Nein! Eher deshalb, weil ich das Gefühl hatte, nicht mehr selbst bestimmen und gestalten zu können, was geschieht. Excel-Tabellen, gesetzliche Vorgaben, es war viel mehr ein bloßes Abarbeiten nach immer mehr Regeln, ein Ausführen der Wünsche und Vorgaben anderer.

„Jemand zu sein“ bedeutet in meiner Vorstellung, Dinge zu tun, für die man sich selbst gegenüber und von anderen Wertschätzung und Respekt bekommt. Dinge, die man vor allem selbstbestimmt in der Hand hat! Dazu gehört in meiner Vorstellung halt nicht, bloß ausführende Kraft zu sein – ich will gestalten und dafür Lohn & Wertschätzung bekommen.

Einen Job habe ich irgendwann gelernt nach 3 Kategorien einzuschätzen:

  1. Inhaltliche Arbeit
  2. Atmosphäre unter den Mitarbeitenden (inkl. Anerkennung, Wertschätzung etc.)
  3. Monetäre Entlohnung

Bin ich nun unzufrieden, untersuche ich nach diesen drei Säulen, was genau mir fehlt. Tatsächlich sind es die Punkte 1 und 3, die momentan für mich eine Rolle spielen. Nach fast sieben Jahren im gleichen Bereich erscheint es mir sinnvoll, diesen auch mal zu verändern. Und etwas mehr verdienen zu wollen (auch wenn es ja immer so verpöhnt ist darüber zu sprechen), finde ich durchaus gerechtfertigt!

Am Ende des Tages gibt es allerdings noch etwas, das ÜBER den drei Punkten steht. Etwas, an dem ich mich allgemein orientiere, auch im restlichen Leben. Und es hat echt etwas gedauert, um mir dessen klar zu werden.

Den eigenen Werten treu bleiben

Ich behaupte, dass unsere Werte in jedem Moment, bei jeder Entscheidung eine Rolle spielen! Bei allem was wir tun (arbeiten, kochen, stricken, mit den Kindern spielen…), erfüllen wir uns bestimmte Werte. Ob uns das klar ist oder nicht.

Woran sollte ich, sollte jede*r sich bitte orientieren, wenn nicht an den eigenen Werten?! Über meine Werte habe ich schon so oft nachgedacht, Übungen gemacht, mich mit anderen dazu ausgetauscht.

Freiheit gehört in jedem Fall dazu – damit meine ich Selbstbestimmung, Unabhängigkeit, tun können was mir beliebt und weitestgehend auch, wann es mir beliebt.

Zugleich ist mir Leistung wichtig. Als Sportler auch kein Wunder. Sich vergleichen, besser sein (wollen) als andere, auf bestimmte Ziele hin trainieren. Und halt auch Geld verdienen – das erscheint mir aufs Leben übertragen nur logisch. Einen angemessenen Lohn für seine Arbeit bekommen.

Aufrichtigkeit, Empathie und Harmonie sind mir neben Freiheit und Leistung ebenso wichtig. Alle drei deuten am Ende auf ein und dasselbe hin: Liebe. Wie klingt das, wenn jemand „Liebe“ als wichtigen Wert für sich ausmacht?

Ich habe echt viel darüber nachgedacht und bin am Ende sicher, dass Liebe ein, wenn nicht DER Beweggrund für alles menschliche Handeln ist.

Im Kern zumindest. Und Liebe bedeutet für mich, es ehrlich und aufrichtig zu meinen, ohne arglistige Hintergedanken. Gutes Geld verdienen? Ja, gern! Solange alle Karten für alle auf dem Tisch liegen. Solange ich mein Bestes gebe und leidenschaftlich arbeite. Nach bestem Wissen und Gewissen sozusagen.

Harmonie kann nach meiner Überzeugung am Ende das einzig richtige Resultat dessen sein. Harmonie zwischen mir und meinen Mitmenschen, aber auch in mir selbst. Dabei kann ich gar nicht immer alles richtig machen – wer kann das schon?! Aber Aufrichtigkeit bedeutet für mich auch, Fehler einzugestehen mit offen drüber zu sprechen.

Doch was tun, wenn ich meine Werte im Job nun nicht mehr so leben kann, wie ich mir das vorstelle? Ich folge schlicht meinem Herz – denn das kennt meine inneren Werte am besten!

Probieren geht über Studieren

Gut, mein aktueller Job macht mir keinen Spaß mehr. Eine Veränderung innerhalb dessen ist auch nicht vorstellbar, das kenne ich schon. Aber was denn nun stattdessen? Wenn ich in Beruf A nicht zufrieden bin, was ist die Alternative?

Ich bin mittlerweile weg von der Vorstellung, den einen passenden Weg oder Beruf finden zu wollen. Mich interessieren halt unterschiedliche Dinge und ich habe zu lange versucht, sie zugunsten der Utopie zu unterdrücken, ich müsse den einen Weg einschlagen. Ich will mich deswegen nicht (mehr) verrückt machen.

Wenn mich überhaupt ein Konzept hier noch interessiert, dann das vom Ikigai: „Das, wofür es sich zu leben lohnt“ (japanisch). Eine Tätigkeit, die mich sinnerfüllt, die ich gut mache, die für andere nützlich ist und zugleich wertvoll (auch monetär).

Lust am Schreiben? Dann blogge ich halt. Außerdem hilft es mir extrem, meine Gedanken zu ordnen. Und ein wenig Geld & Anerkennung lassen sich hier auch generieren.

Trainings & Coachings geben? Dafür bin ich auch gerne neben dem Hauptjob noch unterwegs. Warum nicht eine eigene Homepage dazu aufbauen? Vielleicht ergibt sich mehr daraus…

Zugleich hatte ich mich vorübergehend und nebenbei mal einem Vertrieb ange­schlossen! Verkaufen, oh mein Gott! Ich Kapitalist! Das personifizierte Böse?! Doch wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Vertrieb kann auch mit Liebe geschehen, ehrlich und aufrichtig, das ist meine Überzeugung. Zugleich erfüllt es meine Werte Freiheit und Leistung, also why not?! Mittlerweile weiß ich, dass ich kein 100%-Vertriebler sein möchte – dennoch habe ich unglaublich Vieles mitgenommen, das mir auch für andere Bereiche hilft.

Am Ende dieses Prozesses habe ich zwei Dinge gemacht. Beide sind mir nicht leicht gefallen, fühlen sich hinterher aber total richtig und passend an:

  1. Ich habe meine Führungsposition abgegeben. Und damit viele der Aufgaben, die mich nicht mehr erfüllt haben. Damit habe ich natürlich auch einen gewissen Status aufgegeben – im ersten Schritt gar nicht so leicht. Doch mein Selbstwertgefühl ist ausgeprägt genug um zu wissen, dass sich meine Würde nicht an irgendeinem Status festmacht. Interessant: Sobald diese Entscheidung gefallen war, ergaben sich ohne großes Zutun Jobgelegenheiten! Also habe ich…
  2. Meinen Job gekündigt. Damit verlasse ich bewusst mal meine Komfortzone. Ob der kommende Job nun (besser) passen wird? Keine Ahnung, aber ich habe Lust ich drauf einzulassen. Für mich geht es im Leben darum, am Ende auch stolz zurückblicken zu können, mutig gewesen zu sein, Dinge ausprobiert zu haben…

Am Ende zählts…

Wer möchte sich am Ende des Lebens (und manchmal ist das nicht erst mit 85) denn vorwerfen, seine Träume und Werte nicht gelebt zu haben? Zuviel Angst gehabt zu haben? Kein Risiko eingegangen zu sein? Das Spiel zu sicher gespielt zu haben? Wahrscheinlich die wenigsten. Ich zumindest möchte es nicht.

Und ich möchte meine Kinder dazu ermutigen, ihren eigenen Weg – oder ihre eigenen Wege – zu finden.

Nicht blindlings und unbewusst. Nein, viel mehr als „Entdeckende“ auf einer langen Reise.

„Hör auf dein Herz“ möchte ich meinen Kindern sagen. Und es auch so meinen. Denn das Herz kennt die eigenen Werte nur zu gut.

Angst oder Furcht, Unsicherheit, hält uns manchmal zurück. Jede*r merkt, wohin ihn oder sie das eigene Herz zieht. Der inneren Stimme auch Gehör zu gewähren ist die Kunst – das wünsche ich meinen Kindern und allen anderen auf der Welt. So, wie ihr Papa es (hoffentlich immer) vorgelebt hat!

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