Banges Warten

Banges Warten

23. März 2021 5 Von Niels

Ich stehe am Küchenfenster und schaue, wann meine Große um die Ecke fährt. Sie ist 6 Jahre alt und heute mit dem Fahrrad alleine zu einer Freundin gefahren. Auf dem Weg liegt mindestens eine halbwegs befahrene Straße – Zone 30, aber daran hält sich ja eh niemand. Äußerlich cool, doch innerlich leicht nervös spähe ich immer wieder um die Ecke, bis Stirn und Nase die Scheibe berühren. 

Ich bin total stolz, dass sie das alleine macht. Und sie will es auch wirklich. Sie wird größer und findet immer mehr heraus, was sie kann, will und lotet ihre Grenzen immer neu aus.

Doch ich spüre auch Angst. Davor, dass ihr etwas geschieht. Ein Auto, ein Fremder – Horrorszenarien kann mein Gehirn am besten.

Es ist die Angst loszulassen. Angst vor Kontrollverlust. Ich werde missmutig: Ein wenig Angst, meinem eigenen Kind zu vertrauen.

Doch ab wann schenke ich meinem Kind Vertrauen? Sollte ich das nicht von Beginn an tun? In welchem Ausmaß? Was kann ich ihm in welchem Alter schon zumuten? Kann es dieses oder jenes denn schon? Ist es sich über die Gefahren im Klaren? Sicher nicht… Doch ist das nun gut oder schlecht?

Ich will doch nur das Beste für mein Kind, ich will es beschützen! Doch ich will ihm zugleich auch Entwicklung, Freiheit und Selbstbestimmung ermöglichen. Und zwar so früh es geht! Doch an welchen Stellen und wie hoch ist das Risiko?

Wieviel Elternmut ist gesund?

Alleine zur Schule, zu Freunden, zum Bäcker…

Alleine den Tisch decken, das Porzellan tragen, das Kakaopulver in die Tasse löffeln… 

Auf dem Laufrad voraus fahren lassen, an der Straße nicht an die Hand nehmen, alleine aufs Klettergerüst oder ins Schwimmerbecken (mit frischem Freischwimmer-Abzeichen)…

Das erste Mal ist immer das aufregendste – sicher für Kind und Papa. Vertrauen entwickelt sich – und zwar auf beiden Seiten. Das Kind lernt durch Erfahrung genauso wie Papa es tut.

Passieren kann immer was, soviel ist klar. Doch passieren kann auch mir etwas: Unfall, Überfall, Anfall…sowas passiert täglich.

Dann sehe ich meine Große, wie sie um die Ecke radelt. Im Schneckentempo, mehr zur Seite als in Fahrtrichtung schauend, doch stetig in Richtung zu Hause. Von Weitem sieht sie mich und winkt mir stolz zu – das Strahlen in ihren Augen trifft mich auch auf die Entfernung mitten ins Herz.

Es ist die Freude und der Stolz darüber, etwas geschafft zu haben. Alleine. Mit Vertrauen. Dies ist die Wurzel alles Möglichen. Unbezahlbar.

Eine Frage, die ich mir immer wieder stelle ist: Wenn ich später mal zurückblicke, wer möchte ich als Papa gewesen sein? Die Antwort ist mir stets ein Leuchtturm auch für heute, morgen und die Morgen danach.

Auch heute finde ich wieder etwas Passendes: Als Papa möchte ich jemand sein, der mutig ist, die eigenen Ängste kontrolliert und der Vertrauen schenkt – und sich durch Selbstvertrauen beschenken lässt, auf Seiten des Kindes – und auf der eigenen.

Photo by Hamish Duncan on Unsplash